Mit den Hacken klacken

Es ist nirgends besser als … ach, ich denke Sie wissen, was nun kommt. Jetzt geht es um ein kleines Mädchen, das nach Hause will, um eine dumme Vogelscheuche, einen herzlosen Blechmann, einen feigen Löwen und um rote Schuhe. Aber halt! Wenn Sie soweit zustimmen, kennen Sie wie viele Deutsche die Geschichte um Dorothy, ihre Freunde und das Zauberland Oz eher aus der Verfilmung von 1939 mit Judy Garland als in Buchform. Denn tatsächlich sind die Schuhe der bösen Hexe des Ostens im Original silbern und wurden nur aufgrund des Effektes für den Film rot. In den USA ist dieses moderne Märchen ein Kinderbuchklassiker und genau so bekannt wie bei uns die Geschichte um Hänsel und Gretel. Und obwohl immer wieder Parallelen zu Alice im Wunderland gezogen werden, hat Baum zu Lebzeiten stets bestritten, dass die Geschichte mehr sei als ein Märchen für Kinder und dass sie eine Allegorie auf die amerikanische Gesellschaft von 1900 sei.Der Zauberer von Oz

Dass sich das Buch in der Erstauflage bereits nach 14 Tagen 5.000 Mal verkauft hatte, lag aber gleichermaßen an den Illustrationen von William Denslow. Er war stark von japanischen Farbholzschnitten und vom Jugendstil beeinflusst und trug den Beinamen „Impressionist für die Kleinen“. Daher ist eine Comicadaption ein doppelt gewagtes Unterfangen. Shanower verarbeitet hierbei den Text sehr werktreu, während Young die Zeichnungen liefert. Man sieht dem Stil Youngs an, dass er viel als Illustrator gearbeitet hat. Seine Charaktere sind ausdrucksstark und liebeswert, die Szenerien ausgeschmückt aber nicht überfrachtet. Die Farbgebung ist in warmen Tönen gehalten, die sich harmonisch an die einzelnen Szenen anpassen.

Baum hat insgesamt 14 Bücher geschrieben, die im Lande Oz spielen und auch das Duo Shanower/Young hat schon und wird weitere Geschichten umsetzen. Die bereits erschienenen Geschichten sind in den USA mit mehreren Eisner Awards ausgezeichnet worden. Es ist zu erwarten, dass auch die folgenden Bände diese hohe Qualität halten werden. Diese Adaption ist für mich einer der besten Comics des letzen Jahres und eignet sich wunderbar, diesen Klassiker neu zu entdecken.

 

L. Frank Baum, Eric Shanower, Skottie Young: Der Zauberer von Oz. Panini Comics 2012, 212 S., € 24,95 (D), ISBN 978-3-86201-281-7

Die Zeit heilt Wunden

Wie verarbeitet man Vergangenheit, wenn man nicht über sie sprechen kann? Und wie gehen die Generationen damit um, die danach kommen? Damit beschäftigt sich Agata Bara in ihrer Diplomarbeit, die sie in Kommunikationsdesign an der Folkwang Hochschule in Essen unter der Betreuung von Ulf K. abgelegt hat.

Der GartenIn ruhigen, sepia-farbenen Aquarellen empfängt den Leser dieser Comic in einer ländlichen Gegend. Das Szenario erschließt sich in den wortkargen Zeichnungen nicht gleich. Bald jedoch wird das Bild klarer. Wir befinden uns in den 80er Jahren in Polen, im Haus einer 3-Generationen-Familie. Während der kleine Sohn friedlichen Kinderspielen nachgeht und die Eltern besorgt die Situation in ihrem Land kurz vor der Bildung der Solidarnost beobachten, kämpft der Großvater mit seiner Vergangenheit. Die Schlachtung des Huhn des Nachbars beschwört alte Feindschaften herauf, aber offensichtlich sitzt sein Schmerz viel tiefer. Bei einem Ausflug zu einem alten, verwilderten Garten mit Apfelbäumen brechen die Erinnerungen an von ihm begangene Gräueltaten während des Zweiten Weltkrieges wieder herauf. Seine Scham darüber sitzt so tief, dass er sogar seinen Kindern gegenüber verschwiegen hat, dass er eine Berechtigung besitzt, für sich und seine Familie die deutsche Staatsbürgerschaft zu erwerben. Es ist sein Enkel, der ihn liebt ohne zu hinterfragen, der den Großvater zum Umdenken stimmt. Zwar ist er immer noch verstummt, er gibt seiner Familie aber die Chance ein neues Leben in Deutschland zu beginnen, damit sein Enkelsohn es einmal besser hat. Der versteht von alledem nicht viel und sein Einstieg in Deutschland ist beschwerlich. Sein liebstes Spielzeug ist ein von seinem Opa geschnitztes Holzpferd.

Mit wenigen Worten, die viel Raum zur eigenen Interpretation bieten, erzählt Bara diese eindringliche Geschichte, in der sie geschickt gesellschaftliche und private Themen miteinander verknüpft.

 

Agata Bara: Der Garten. Salleck Publications 2012, 56 S., € 12,90 (D), ISBN 978-3-89908-478-8

Eine fantastische Geschichte

Mit der Wormworld Saga hat Daniel Lieske neue Wege der Publikation beschritten. Zuerst als Online-Comic ist die Geschichte nun als Buch erschienen. Bekannt wurde sie primär über soziale Netzwerke im Internet, die Lieske geschickt zu nutzen weiß.

Daniel Lieske hat als Hobby hat er schon immer viel gezeichnet. 2006 nahm er an einem internationalen Zeichenwettbewerb teil mit einem Bild, das den Titel „The Journey Begins“ trug. Zusätzlich zu einem zweiten Platz brachte ihm diese Zeichnung viele Anfragen, welche Geschichte sich denn dahinter verbergen würde. Dies war Anlass, sie als Ausgangspunkt für seine Wormworld Saga zu verwenden. Wormworld SagaEs dauerte aber noch bis Ende 2010, bis das erste Kapitel online erschien. Die große Resonanz, die Lieske von Anfang an auf seinen Comic erfahren hat, ist besonders auf seine konsequente Nutzung der Möglichkeiten zurück zu führen, die ein Internetcomic bietet. So liest sich die Wormworld Saga von oben nach unten, pro Kapitel auf einer Seite. Mit dem Mausrad scrollt man sich durch die Geschichte, die Panels gehend fließend ineinander über und sind nicht durch einen Rahmen limitiert. Hierdurch entsteht ein cineastischer Effekt, visuelle Brüche, wie sie durch blättern entstehen, sei es in einem Buch oder zwischen zwei Internetseiten, entfallen. Diese innovative Umsetzung wie auch die Geschichte selbst führte dazu, dass die Wormworld Saga solch einen Bekanntheitsgrad erreicht hat. Sogar der Comictheoretiker Scott McCloud erwähnte Lieskes Comic auf seinem Blog. Lieske erhielt viele Anfragen, ob der Text in Übersetzungen angeboten werden könne, da das Interesse an dem Comic weltweit groß war. Das erste Kapitel ist inzwischen in 20 verschiedenen Sprachen anwählbar.

Doch Lieske wollte noch weiter gehen. Mit der wachsenden Nutzung von Smartphones und Tabloids entstand in ihm der Wunsch zur Erstellung einer App, mit der sein Comic unabhängig von einem Computer lesbar ist. Um diese App programmieren zu können, sammelte er über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter die benötigte Summe ein. Die kostenlose App ist inzwischen über 100.000 Mal herunter geladen und trägt ebenfalls zur Verbreitung des Comics bei. Nachdem klar war, dass das Projekt Wormworld Saga Zukunftspotenzial hat, war es Lieske ein großes Anliegen, es von Anfang an so zu konzipieren, dass er es sich über unterschiedliche Einnahmequellen ermöglicht, einzig an seinem Comic arbeiten zu können und keine anderen Arbeiten annehmen zu müssen. So hat er in einem weiteren Schritt ebenfalls mit Hilfe von Crowdfunding Geld für die Erstellung eines Merchandasing-Shops gesammelt. Die Einnahmen hieraus sollen ein kontinuierliches Arbeiten am Comic ermöglichen. Gleichzeitig ist Lieske sehr aktiv in verschiedenen sozialen Netzwerken wie auf Facebook und dokumentiert auf seinem Blog seine Arbeit. Er hat so ein stimmiges Konzept erschaffen, mit dem er die neuen Medien in ihrem größtmöglichen Umfang nutzt.

Nun stellt sich noch die Frage, ob die Geschichte selbst auch tragen kann, was der Rahmen an Möglichkeiten bietet. Lieske erzählt die Fantasy-Geschichte um den kleinen Jonas, der am Ende der Grundschulzeit steht und in die Ferien aufs Land fährt. Dort lebt er in seiner Fantasiewelt und zieht aus in den Wald mit seinem roten Strickpulli, seinem Abenteurer-Rucksack und seinem treuen Holzschwert bewaffnet. Doch eines Abends entdeckt er nach einem Streit mit seinem Vater auf dem Speicher ein Bild, das ein Tor in eine fremde Welt darstellt. Eigentlich will er nur kurz hinein, jedoch fällt der Durchgang in sich zusammen und Jonas kann nicht mehr zurück. Bald trifft er auf Raya, die ihm sagt, dass ihr diese Begegnung prophezeit und dass er in dieser Welt erwartet wurde. Jonas spannendes Abenteuer beginnt. Wird er die Aufgaben meistern können, die ihm in dieser Welt gestellt werden und wird er wieder einen Weg nach Hause finden, um sich mit seinem Vater zu versöhnen? Die Geschichte enthält nichts, was nicht an anderer Stelle bereits erzählt wurde. Lieske verhehlt seine Vorbilder und Vorlieben auch nicht, wenn er zum Beispiel Jonas auf die Michael-Ende-Schule gehen lässt oder wenn sich sein Interesse an Indien im Glauben des fremden Volkes widerspiegelt. Doch gerade dass er beinahe klassisch anmutenden Fantasy-Stoff verwendet, macht die Wormworld Saga zu einer leicht nachvollziehbaren und gut strukturierten Erzählung. Hinzu kommt sein Zeichenstil, dem man Lieskes Herkunft aus der Spielebranche ansieht und der sich von dem momentan allgegenwärtigen Mangastil abhebt. Dass jetzt die ersten drei Kapitel in Buchform erschienen sind, ist die konsequente Weiterführung der Erfolgsgeschichte. Für die Buchform mussten nun doch Umbrüche geschaffen werden, die aber sehr gut gesetzt wurden. Ergänzt wird das Buch durch Zusatzmaterial wie Artworks und Randerzählungen. Noch stehen wir am Anfang einer Reise und es muss sich noch erweisen, ob dieser furiose Beginn auch halten kann, was er verspricht. Nach der Vorgehens- und Arbeitsweise Daniel Lieskes zu urteilen, steckt aber viel Potenzial in dieser noch jungen fantastischen Geschichte.

Der Link zum Onlinecomic: www.wormworldsaga.com

Daniel Lieske: Wormworld Saga – Die Reise beginnt. Tokyopop 2012, 128 S., € 12,- (D), € 12,30 (A), SFr 17,90, ISBN 978-3-8420-0528-0

Die Macht der Bücher

U_7740_1A_EMA_BIBLIOTHECA_MYSTICA_01.Q8_PPPNach dem Tod seines Großvaters beerbt Hugh Disward dessen mysteriöse Bibliothek, die Dantalians Archiv genannt wird und die magische Bücher enthält, in denen das Wissen des Bösen niedergeschrieben ist. Zuerst trifft er auf das seltsame Mädchen namens Dalian, die er noch aus seiner Kindheit kennt und die nicht zu altern scheint. Sie ist die Hüterin der Bibliothek und verfügt über Kräfte, verschollene magische Bücher aufzuspüren. Die Aufgabe des Besitzers des Archivs ist es nämlich, die Welt vor der bösen Macht der magischen Bücher zu beschützen und sie zu verschließen. So übernimmt Hugh diese Rolle und begibt sich zusammen mit Dalian auf Bücherjagd. Sein erster Fall führt ihn zu einer fanatischen Leserin, die unzufrieden über das vom Autoren geschaffene Ende einer Trilogie ist. So quält sie ihn mit Hilfe eines magischen Buches und zwingt ihn, das Ende immer und immer wieder neu zu schreiben, bis es ihren Vorstellungen entspricht. Dabei unterschätzt sie die Macht, die von dem Buch ausgeht, das sie benutzt, und fällt ihm am Schluss selbst zum Opfer.

In dieser Geschichte dreht sich alles um Bücher – gute Bücher und schlechte Bücher, und dies im doppelten Sinne. Denn einerseits geht es um die Inhalte von Büchern und andererseits mystisch um den Charakter eines Buches. Die teilweise blutrünstige Geschichte ist zu Beginn noch etwas verwirrend, im Laufe des ersten Bandes klärt sich aber schon viel auf. Es gibt aber noch einige Geheimnisse um die Bibliothek und ihre seltsame Archivarin, die gelüftet werden wollen. Zeichnerisch ist die Geschichte in dem angesagten viktorianischen Stil angelegt mit klarem und übersichtlichen Panelaufbau und wunderschönen Kostümen ein Augenschmaus.

Mikumo Gakuto, Abeo Chako: Bibliotheca Maystica. Egmont 2012, 192 S., ab 15, € 6,99 (D), € 7,20 (A), ISBN 978-3-7704-7740-1

Das Leben ist Leiden

Langsam entdecken die deutschen Verlage, dass Mangas mehr zu bieten haben, als rosa Mädchenträume und actionreiche Jungsgeschichten. Hier sind im Besonderen die Mangas des japanischen Großmeisters Osamu Tezuka zu benennen. Carlsen hat sich nun daran gemacht, seine Geschichten werkgetreu in deutscher Sprache darzustellen. Die neueste Publikation ist Buddha, in der Tezuka seine Version der Entstehung des Buddhismus erzählt. Wie es typisch für seinen Stil ist, arbeitet er mit dem groben Gerüst der originalen Erzählung, fügt aber sehr frei viele Charaktere und Erzählstränge hinzu. BuddhaSo beginnt die Geschichte vor der Geburt Siddharthas mit dem Mönch Naradatta, der von seinem Ordensvorsteher Asita ausgesandt wird, um den herannahenden neuen Herrscher der Welt zu finden. Bevor er diesen jedoch trifft, begegnet ihm der Sklavenjunge Chapra und der Junge Tatta, der zur Kaste der Unberührbaren gehört. Beide erfahren durch kriegerische Auseinandersetzungen viel Leid und sie verbrüdern sich. Dann trennen sich ihre Wege aber, Chapra versucht seinem Elend durch Aufstieg in den Kasten zu entkommen. Tatta hingegen empfindet keinen Unterschied zwischen dem Wert eines Menschen oder dem eines Tieres, er verdammt das gesamte Kastensystem. In Band 2 wird Siddhartha geboren, ihm wird durch Meister Asita eine große Zukunft vorher gesagt und sein Vater zieht ihn in allem Prunk eines Königshauses auf. Siddhartha kann jedoch nichts damit anfangen und versucht diesem Leben zu entkommen. So trifft er auf Tatta, der ihn mit dem echten Leben konfrontiert.

Tezuka erzählt das Leben von Siddhartha Gautama als Abenteuergeschichte, angefüllt mit vielen frei erfundenen Elementen. So gelingt es ihm, diese doch recht abstrakte Entwicklung, die der Begründer des Buddhismus durchlebt hat, Jugendlichen näher zu bringen und in einen spannenden Handlungsstrang zu binden. Nebenbei findet sich an vielen Stellen der typische Humor Tezukas, wenn er kleine Anachronismen in Wort und Bild in der Geschichte versteckt.

Osamu Tezuka: Buddha, Band 1 & 2. Carlsen 2012, 304 S., € 22,90 (D), € 23,60 (A), sFr 32,90, ISBN 978-3-551-76631-1

Kleiner weißer Löwe, wir sind stolz auf dich!

Viele der älteren Generation müssen doch anhand des Titels bestimmt spontan mitsummen. Wir haben ja alle Animes in unserer Jugend gesehen, meist jedoch, ohne uns auch nur im Ansatz bewusst zu sein, dass wir da japanische Produktionen bzw. Co-Produktionen gesehen haben. Wer kommt bei solchen Geschichten wie Heidi, die in den Alpen und in Frankfurt, Sindbad, die im Orient (wo immer auch das genau ist) oder Calimero, die in Italien spielt (warum hat der dann einen Sombrero auf?). Tja, das ist halt Stoff, der für Japaner wahnsinnig exotisch und spannend ist und die eher konservativen Europäer dachten sich, dass man sowas den Kindern zumuten kann. Denn diese Serien liefen natürlich auch in Japan mit großem Erfolg. Doch dann gab es da auch Animes, deren Inhalt nicht aus alten Geschichten generiert wurde, sondern deren Vorlage, wie es heute üblich ist, Mangas waren. Derjenige, der nicht nur den Manga für Kinder, ebenso wie er heute erhältlich ist, maßgeblich geprägt hat, sondern auch Animes, ist natürlich der große Osamu Tetzuka. Kimba, der weiße Löwe erschien als Manga in Japan bereits 1950, erfuhr noch einige Nachbesserungen duch Tezuka, die endgültige Fassung kam 1977 auf den Markt. Die deutsche Erstausstrahlung der Animeserie erfolgte im gleichen Jahr durch das ZDF und umfasste 39 Folgen. Den Manga zu veröffentlichen traute sich aber zu diesem Zeitpunkt kein deutscher Verlag, zu umfangreich erschien die Geschichte auf einem Markt, der den fixen Umfang von 64 Seiten durch die Bandes Dessinées gewohnt war. Erst 2001 erschien der Manga erstmalig beim Carlsen Verlag im üblichen Taschenbuchformat in drei Bänden. Diese Auflage ist längst vergriffen und hat Sammlerstatus. Nun hat sich der Carlsen Verlag erneut Kimbas angenommen und eine Neuauflage in zwei Bänden herausgegeben. Das Format ist größer als das bisherige und es verfügt über ein Hardcover. Hinzu kommt ein umfangreiches Editorial, in dem ein wenig zu Kimba, zu seinem Schöpfer und zu der Idee der Neuauflage erzählt wird. Besonders putzig fand ich den Hinweis darauf, dass der Manga inzwischen über 60 Jahre alt ist und in ihm gewisse Darstellungen und Handlungsweisen von Menschen zu finden sind, die heute so nicht dem Standard der Political Correctness entspricht. Ja ja, schwarze Kannibalen mit Knochen im Haar sind nicht mehr so gerne gesehen, heutzutage. Da kann man ruhig mal drauf hinweisen, dass das damals völlig ok war.

Die Geschichte von Kimba ist schnell erzählt und auch weitläufig bekannt. Kimba ist der Sohn des Dschungelkönigs Panja, der von ruchlosen weißen Großwildjägern ermordet wird. Als Waisenkind kommt er in die Zivilisation und wird von Menschen groß gezogen. Doch sein Weg führt ihn zurück in die Wildnis Afrikas, wo die Gemeinschaft der Tiere sehnsüchtig auf die Rückkehr eines Königs wartet, der sie alle eint und ein friedvolles Miteinander möglich macht. Kimba profitiert dabei von seinem Zusammenleben mit den Menschen und führt so menschliche Ideen den Ackerbau ein und bringt die Karnivoren dazu sich vegetarisch zu ernähren. Doch je komplexer die Gemeinschaft wird, desto mehr Probleme bringt sie mit sich.

Natürlich hat Kimba, der weiße Löwe aus heutiger Sicht einige Aspekte, die schlichtweg grob rassistisch und xenophob sind. Das findet man in der japanischen Literatur, die wir rezipieren, heute so nicht mehr vor, jedoch sind Rassismus und Misstrauen gegenüber Fremden immer noch tief verankert in der japanischen Gesellschaft. Tezuka übertreibt also nicht oder ist herausragend rassistisch, wie er ja durchaus durch seine kritische Aufarbeitung der Japaner im 2. Weltkrieg in Adolf bewiesen hat. Seine Geschichte ist eine zeitlose anthropomorphe Metapher für die Schwierigkeiten, die das Zusammenleben in einer Gemeinschaft mit sich bringen und durchaus auch für heutige Jugendliche noch lesenswert.

Zum Schluss kann ich mir natürlich folgende Anekdote nicht verkneifen: Die Ähnlichkeiten der Geschichte Tezukas zu Walt Disney’s König der Löwen ist nicht von der Hand zu weisen, auch wenn es sich nur um das Gerüst handelt. Alleine gewissen Namensähnlichkeiten (Simba/Kimba) sind frappierend. Disney selbst behauptet, dass der König der Löwen seine erste komplett selbst erdachte Geschichte sei und dass er keinerlei Kenntnis über Kimba, der weiße Löwe gehabt hätte. Das widerspricht aber der Aussage Disneys, dass er ein sehr guter Kenner der Animationsbranche gewesen sei. Egal, wie man es dreht und wendet, Disney steht bei der Geschichte nicht gut da und sie lässt den Glanz, der ihn umgibt, ein wenig verblassen.

Osamu Tezuka: Kimba, der weiße Löwe (abgeschlossen in 2 Bänden). Carlsen 2011, € 19,90, ISBN 978-3-551-726-278

Das Leid von Generationen

Da wir ein paar Tage verreist waren, hatte ich die Zeit in Ruhe einen Comic zu lesen, dem man einfach seinen Raum geben muss. Maus von Art Spiegelman ist ein Klassiker und gilt als der Begründer des autobiografischen Comics. Spiegelman verarbeitet in diesem Comic die Geschichte seiner Familie, seiner Eltern, die den Holocaust überlebt haben und auch seine eigene, der lernen musste mit diesem Erbe zu leben. Wie erzählt man so eine Geschichte, die schon bei Unbeteiligten Betroffenheit hervorruft, wenn es sich dabei um die eigene handelt? Spiegelman wählt hierzu den Weg der Tiermetapher. Er stellt die Menschen seiner Geschichte als Tiere da, wobei er den Juden und den einzelnen, in der Geschichte vorkommenden Nationen Tiergestalten zuweist. Die Juden werden als Mäuse dargestellt, die Deutschen als Katzen. Die Polen erhalten die Form von Schweinen, was zu Entrüstung in der polnischen Gesellschaft und zu Verbrennungen des Comics in Polen geführt hat. Welch Ironie! Antropomorphe Tiere sind in Bildergeschichten oder Comics durchaus nicht ungewöhnlich, jedoch werden sie meist in lustigen Geschichten verwendet, selten in tragischen und erst recht nicht in autobiografischen. Spiegelman selbst sagt hierzu, dass er sich nur so dem Grauen nähern konnte. Und tatsächlich nimmt es der Geschichte in keiner Weise seinen Schrecken oder seine Ernsthaftigkeit, ermöglicht aber eine Konfrontation, die nicht unerträglich schmerzt. Ebenso gut gelungen ist der narrative Aufbau, der eine Rahmenhandlung hat, in der Art zu seinem Vater geht, um sich von ihm die Geschichte erzählen zu lassen und eine Binnenhandlung, welche die Geschichte der Eltern selbst beinhaltet. So gelingt es ihm, zu zeigen, wie das Leid des Erlebten weder mit dem Tag der Befreiung, noch mit der nächsten Generation endete. Denn nicht nur muss er unter den Marotten seinen Vaters leiden, der zum Beispiel nichts wegwerfen kann, sei es ein Stück Kabel, erst recht kein Essen. Er erzählt auch davon, wie es als Kind war, mit solchen Gedanken zu leben wie: Wenn ich einen Elternteil ins KZ schicken würde, welchen würde ich aussuchen? Er zeigt so die Omnipräsenz des Holocaust in den Handlungen und Gedanken der Betroffenen und ihrer nachkommenden Generationen. Dies war an Maus das für mich persönlich ergreifendere Moment, da man ja doch schon das eine oder andere Einzelschicksal von Juden im Zweiten Weltkrieg erfahren hat. Da ich durch meine Eltern gewisses Verhalten kenne, das aus den Erfahrungen des Krieges und der Nachkriegszeit resultiert, war es für mich beeindruckend zu lesen, wie gering doch die Auswirkungen bei uns sind, gegenüber jenen, die den wahren Horror erlitten haben und ein Stück weit immer wieder erleiden. Maus beschönigt nicht, trotz der Menschen in Tiergestalt, es sucht nicht nach Versöhnung oder Erklärungen, es ist eine zutiefst persönliche Erzählung, die gleichzeitig aber auch nüchtern ist. Spiegelman gelingt der Spagat aus geschichtlich korrekt dargestellten Zusammenhängen und Familiengeschichte. Die Übersetzung finde ich im Übrigen sehr gelungen. Zum einen wird im Anhang erklärt, warum der Vater in welchen Situationen welches Deutsch verwendet, zum anderen ist seine Art mit jiddischem Dialekt deutsch zu reden gut wiedergegeben. Da er dies tatsächlich getan hat, ist aus meiner Sicht kein Vorteil zu dem englischen Original zu finden. Die Gesamtausgabe von Maus, die im Fischer Verlag erschienen ist, ist kompakt und gut gebunden und inhaltlich mit ausreichend Begleittext bestückt. Ein Muss für jede Comicbibliothek.

Art Spiegelman: Die vollständige Maus. Fischer 2011, € 14,95, ISBN 978-3-59618-0943

Getrennte Zwillinge

Die Zwillingsschwestern Tsubasa und Arisa wachsen getrennt voneinander auf, stehen aber in Kontakt zueinander. Bei einem ersten Treffen nach langen Jahren gesteht die draufgängerische Tsubasa ihrer Schwester, wie sehr sie diese um ihr Leben beneidet, dass gut zu verlaufen scheint, da Arisa fleißig und hilfsbereit ist und anscheinend von allen gemocht wird. Tsubasa eckt mit ihrer wilden Art eher an. So beschließen die beiden Mädchen, die Rollen zu tauschen und Tsubasa geht als Arisa an deren Schule. Anfänglich sieht die Geschichte nach einer klassischen Doppelten Lottchen-Erzählung aus. Tsubasa ist begeistert von dem Leben ihrer Schwester und hat sogar plötzlich einen Freund. Doch warum vergräbt sich ihre Schwester zu Hause? Als Tsubasa sie darauf anspricht, offenbart ihr Arisa, dass sie ein dunkles Geheimnis hat und springt aus dem Fenster. Durch den Sturz liegt sie im Koma und Tsubasa macht sich auf, hinter dieses Geheimnis zu kommen und gerät so in den Sog eines Spiels, das die Klasse spielt und „die Königszeit“ nennt. Die Schüler senden eine SMS an den „König“, der jeden Wunsch erfüllt. Das geht soweit, dass Menschen verschwinden und diejenigen Schüler, die gegen das Spiel aufbegehren, hart bestraft werden.

Arisa ist also kein klassischer Shojo-Manga, obwohl er auf den ersten Blick so daherkommt. Zu der mädchenhaften Rollentausch-Geschichte gesellt sich eine düstere und spannungsgeladene Komponente, die diesen Titel aus der Masse herausstechen lässt, wobei die Liebe aber auch nicht zu kurz kommt. Auch der Zeichenstil ist sehr gefällig, der mit den typischen Shojo-Elementen arbeitet und die Bilder übersichtlich und ästhetisch ansprechend gestaltet. Ein Titel für Mädchen, die etwas anderes lesen wollen, als das Liebesallerlei der restlichen Mädchenmangas. Dieser Titel ist übrigens der Siegertitel der diesjährigen JungeMedienJury. Gegen den Protest einiger hat sich ein Mädchentitel durchgesetzt, ich finde aber, dass er mit seiner an Mystery erinnernde Geschichte auch von Jungs gelesen werden kann.

Natsumi Ando: Arisa. Carlsen 2010, € 5,95, ISBN 978-3-551-78215-1

Der Träumer

Alle Kinder rennen fröhlich in Richtung Schule, nur der kleine Benjamin schlurft müde vor sich her. Seine Freundin, die Schnecke kommt des Weges grüßt freundlich und zieht vorbei. „Und bloß keine Eile!“, ist ihr Kommentar. Benjamin ist ein echter Träumer, der sich lieber mit tiefgreifenden naturwissenschaftlichen und philosophischen Problemen befasst als mit den Hausaufgaben, die der Lehrer aufgibt. So versucht er den Mond auf die Erde zu holen, um die Schwerkraft zu beeinflussen. Die Schnecke, ganz Realistin, holt ihn dann aber immer wieder gerne auf den Boden der Tatsachen zurück. Benjamin ist aber auch einfach nur ein kleiner Junge, der Superhelden mag, gerne Grimassenfotos im Passbildautomaten und Wettrennen mit seiner Schnecke macht.

Varanda hat mit Benjamin einen besonderen Comic geschaffen. Schon das Format fällt aus dem Rahmen, ein quadratischer Band, der eher an ein Bilderbuch erinnert. Die Geschichten werden als Stripcomics präsentiert, entweder einseitig oder über eine Doppelseite gehend. Der Zeichenstil ist sehr niedlich und eigen, besonders die Farbgebung hebt sich hervor, da sie komplett in Sepiatönen gehalten ist und den Bildern einen gewissen zeitlos-nostalgischen Charme verleihen. Dies äußert sich auch in der Kleidung von Benjamin und seinen Mitschülern, deren Stil an die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts angelehnt ist. Die Idee von diesem Comic ist nicht neu, man kennt sie z.B. aus Calvin & Hobbes. Auch hier sind die Protagonisten ein kleiner Junge und sein anthropomorpher Freund. Jedoch ist Benjamin im Gegensatz zu Calvin kein draufgängerischer Chaot, sondern ein sensibler Phantast, der lieber auf der Spitze des Halbmondes tanzt und in einem Sternenmeer badet, das doch nur sein unaufgeräumtes Zimmer ist.

Alberto Varanda: Benjamin angelt sich den Mond. Toonfish 2012, € 15,95 , ISBN 978-3-8686-9910-4

Der Bauplan Gottes

Was tut man nicht alles, wenn man 14 ist und verliebt. Kurt, der in einem kleinen Schweizer Dorf aufwächst, bringt seine Liebe zu Patrizia in die Bibelgruppe des Pfarrers Obrist. Dieser versucht die Gruppe mit Effekt heischenden Mitteln Zu Gott zu bekehren. So zeigt er den Kindern mit Hilfe eines Haufens Legosteine, dass die Evolutionstheorie nicht stimmen kann, da sich die Steine nie zufällig zu so komplexen Lebewesen zusammen gesetzt haben können. Seine Erklärung ist, dass Gott hier als Baumeister dahinter stecken muss. Mit seiner eindringlichen und beeinflussenden Art schafft er es, dass Kurt sich immer weiter von seiner Familie entfremdet. Die ist agnostisch angelegt und versteht die Veränderungen ihres Sohnes nicht. Und genau dies prophezeit der findige Pfarrer auch: Je tiefer der Glaube der Jugendlichen gehen wird, desto stärker wird der Widerstand von außen werden. Am besten schützen sie sich, indem sie nichts davon erzählen, was in der Gruppe geschieht. Je unverstandener sich Kurt von außen fühlt, desto stärker wendet er sich der Gruppe zu. Erst, nachdem Patrizia nach einem Winterurlaub mit dem Pfarrer plötzlich schwanger ist und auch noch verblendet glaubt vom Heiligen Geist geschwängert worden zu sein, erwacht Kurt. Gnehm lässt bewusst offen, ob tatsächlich ein sexueller Missbrauch geschehen ist. Es geht ihm viel mehr um den geistigen Missbrauch und das Ausnutzen von Autorität. In einfühlsamen, detailgetreuen schwarz/weiß Zeichnungen stellt er dar, wie wenig es braucht, um zu manipulieren. Gnehm ist gleichzeitig auch Architekt und dokumentiert mit seinem Comic die Zersiedlung der Schweiz, wie ein kleines Dorf sich über die Jahrzehnte wie ein Geschwür in die Landschaft frisst, bis nichts mehr davon übrig zu sein scheint. So liest sich Die Bekehrung auf zwei Weisen, die beide packend sind.

Matthias Gnehm: Die Bekehrung. Edition Moderne 2011, € 28,-, ISBN 978-3-0373-1074-8